Robert über Robert

Mit 51 Jahren schrieb Robert Gilbert nachfolgenden Text in Meckern ist wichtig – nett sein kann jeder. Der Gedichtband erschien 1950 im Blanvalet Verlag:

«ROBERT GILBERT, geboren am 29. September 1899 in Berlin O (Warschauer Straße überm Pferdestall). Vater – Jean Gilbert – spielte zu jener Zeit Klavier in einer Kneipe – Mutter nähte Hüte im eiskalten Bett, um zum sehr Wenigen ein Weniges beizutragen. Vater: Jahrelang Kapellmeister in Varietés und anderen gleichgesinnten Kunstanstalten – reisten dauernd in Europa herum – einmal mit Hagenbecks Tier- und Völkerschau nach Mailand – woselbst ich sechsjähriger Steppke große Freundschaft mit kleineren und größeren Elefanten schloß und die ganze Gegend für dunkelstes Afrika hielt. Vater wurde berühmt – um 1911 – mit der „Polnischen Wirtschaft” und der „Kinokönigin” – und das Resultat war eine piekfeine Wannseevilla. Dann schrieb er hintereinander etwa 60 Operetten, bis er – 1942 – in Buenos Aires – gestorben ist. Er war ein großartiger Kerl – großartig in jeglichem Sinne – habe auch manches leichtgeschützte Musenopus mit ihm gemeinsam verzapft, als ich flügge wurde – unter anderem auch: „Durch Berlin fließt immer noch die Spree.” Er die Musike, ich den Text. Möchte mich gerne überzeugen, ob diese Behauptung der Wahrheit entspricht. – Hatte von Kind an aber gar keine Operettenneigungen. Sondern studierte schon im Flügelkleide klassische Literatur und Nietzsche et cetera – und ging dann auf die Universitäten in Berlin und Freiburg im Breisgau. Dann, um nicht aus Vaterns gewaltiger Tasche zu leben, aus dummem Eigenstolz, setzte ich das im väterlichen Haushalt Gelernte ins Praktische um, das heißt, ich begann Schlager zu schreiben – neben Nietzsche, Hegel und Goethe. Denn ich heiratete im Jahre 1923, und das hieß, Pinke tat not. Komischerweise war das erste Ding, das ich auf diesem Gebiet ersann, gleich ein Schlager – es hieß: „Kathrin, du hast die schönsten Beine von Berlin.” Dann ging’s los – es folgten Operetten, Revuen, Filme und Lieder, die in allen Gassen gehauert wurden. „Zum weißen Rössl” – “Das ist die Liebe der Matrosen” – Ich hab’ kein Auto, ich hab’ kein Rittergut” – Am Sonntag will mein Süßer mit mir segeln gehen” – „Was kann der Sigismund dafür, dass er so schön ist” - „Es muß was Wunderbares sein, von dir geliebt zu werden” - „Im Salzkammergut, da kann man gut” - „Das gibt‘s nur einmal, das kommt nicht wieder” und so weiter bis ins Himmelblaue. Von morgens bis abends. Aber die Liebe höret nimmer auf – nämlich die zu den wahren Dingen. Darum schrieb ich nebenbei für allerhand literarische Magazine, unter verschiedenen Namen, u.a. auch von dem Mann, der keenen Sechser in der Tasche hat, bloß den Sonnenschein (Das Stempellied), und manches mehr. Lebte dann fünf Jahre in Österreich und lernte perfekt zu schnadahüpferln in jener gesegneten Mundart und lieferte somit weiterhin das Sangbare für die Werke der Oscar Straus, Robert Stolz, Ralph Benatzky. Und dachte mir dennoch – Verzeihung geliebtes Austria – in heimlicher Stille oft: Mir kann keener, höchstens eener, und det muß een Berliner sin. – Und schmiedete weiter und weiter an meiner Odyssee von der Spree, die jetzt bei Lothar Blanvalet unter Druck gesetzt wird, der seinen lang gesuchten Berliner Lyriker hier am Broadway entdecken mußte.

Fuhr 1939 nach Amerika. Und jetzt in Kürze wieder nach Europa – um an einer Reihe musikalischer Erzeugnisse teilzuhaben. Und sage – wie in meiner Serie „Jedichte für Justav”: Ja, falls ich noch huste, siehste mir sicher. Aber hab’ ick de Puste verausjabt und kicher längst unterm Glorienschein statt unterm Hut – dann, wenn’s ooch nicht besser wird – Justav, mach’s jut.»

Den nachfolgenden Lebenslauf verfasste Robert Gilbert mit 72 Jahren.

Beiläufiger Lebenslauf von Robert Gilbert, geschrieben mit 72 Jahren, veröffentlicht 1971 im Gedichtband: In Berlin fließt immer noch die Spree.